21.08.2018

Begleittexte

Begleittexte

Konzert 1

Der Wurschtlprater

Nein, wir beginnen unser Festival keineswegs mit einem Essay über eine ordinäre Wurst...
überraschenderweise kommt der Name „Wurschtlprater" von der Figur des „Hanswurst", der aus dem Stadttheater vertrieben wurde und seine neue Heimat im Wiener Prater fand. Nachdem Kaiser Joseph II diesen für die Allgemeinheit öffnete, entwickelte er sich zu einem Zentrum der Unterhaltung, der Prostitution und der kreativen Volksbelustigung.
So waren hier erstaunliche Dinge zu beobachten:
Die erste freiwillige bemannte Ballonfahrt über Österreich fand hier statt, kurz nachdem die erste unfreiwillige passiert war. Davor wiederum hatte es einen Schwindelversuch gegeben, sozusagen die erste vorgetäuscht-bemannte Ballonfahrt. Im Jahre 1807 überflog der Uhrmacher Jakob Degen in einem selbst erfundenen Flugapparat mit beweglichen Schwingen, die er mit Muskelkraft bewegen konnte, den Prater, und 9 Jahre später ließ er hier das weltweit erste Hubschrauber-Modell 160 Meter aufsteigen.

Ebenso gab es hier im Wurschtlprater zeitweise eine Pferdeeisenbahn-Teststrecke, eine Dampfomnibus-Probebetrieb, und auch jahrzehntelang Feuerwerks-Wettstreite. Im dem einen Kaffeehaus spielte zuweilen Ludwig van Beethoven, später in dem anderen die komplette Strauss-Dynastie mit 60-köpfiger Walzer-Kapelle.
In diesem kreativen Umfeld lauschte Johannes Brahms in seinen letzten Jahren täglich den Csárdás-Kapellen. Diese Folklore war für Brahms der Inbegriff ungarischer Musik, und er liebte sie seit seiner Begegnung mit Exil-Ungarn 1848 in Hamburg - vieles davon werden wir in der heutigen Violinsonate wiederfinden. Die Uraufführung dieses Werkes spielte Brahms selbst am Klavier, und zwar in Budapest.

Zwar prangerte Bartók die Brahms´sche Vorstellung der ungarischen Musik als unauthentisch an, doch wird uns das heute nicht stören. Seine Klagen wird Bartok sicherlich auch Zoltán Kódaly vorgetragen haben, als sie gemeinsam Reisen zur Erforschung ungarische Volkslieder unternahmen. Dieser wiederum schrieb seine Violoncello-Solosonate nach eigenen Forschungsreisen in Siebenbürgen und Bukowina und erschuf damit das erste vergleichbar gewichtige Solowerk für Violoncello seit den Bach´schen Suiten.

Der bei aller Virtuosität und fast schon prahlerischen Musik überraschend bescheidene Fritz Kreisler besuchte 1903 Antonin Dvorak in Prag, um ihm seine Verehrung auszudrücken, und auch mit der Bearbeitung seiner Slawischen Tänze erweist er ihm alle Ehre.

Joseph Haydn hegte eine enge Freundschaft zu Wolfgang Amadeus Mozart, die auch von großer gegenseitiger Bewunderung geprägt war. Ansonsten führte er aber ein eher zurückgezogenes Leben, verbrachte den größten Teil seiner Karriere auf Landsitz der wohlhabenden ungarischen Familie Esterházy und beschrieb sein abgeschiedenes Leben so: „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden."

„Der ungarische Brahms" - wie Dohnanyi zu diesem Beinamen kam, das werden Sie beim Hören seines Klavierquartettes selber feststellen. Brahms selbst lobte ebendieses Quintett op.1 über alle Maße, als er es hörte. Tatsächlich haben beide einen Hang zu opulenter Romantik - auch waren sie beide großartige Klaviervirtuosen. Von Dohnanyi, der auf überzeugende und mitreißende Wiedergabe eines Stückes setzte und sich offenbar eher auf Genie als auf Technik verließ, ist der Satz überliefert „Wo Gefahr am Größten, da Pedal am nächsten". Wie es Brahms mit dem Pedal hielt ist uns unbekannt...


Konzert 2

Eine bemitleidenswerte Ente

Georg Muffat, von Schottisch-Französisch-Abstammung, war ein echter Paneuropäer. In Frankreich geboren, bezeichnete sich aber als Deutschen. Er lernte in Paris, lebte später in Salzburg, Prag, Wien und Rom. Die Toccata Septima wird mit einer französischen Ouvertüre eröffnet, es folgen Teile mit süddeutscher und italienischer Orgelmusik.

Levente Gyöngyösi ist ein in Rumänien geborener, ungarischer Komponist. Er zählt zu den aufstrebenden Komponisten Ungarns - sein Gloria Kajoniensis wurde kürzlich mit dem ersten Preis der Jury beim European Award for Choral Composers ausgezeichnet.

„Zu Farbe, Form und Konsistenz assoziiere ich fast immer Klänge, wie auch umgekehrt zu jeder akustischen Sensation Form, Farbe und materielle Beschaffenheit." dieser Aussage György Ligetis werden wir nach dem Hören seiner beiden kurzen a Capella Stücke „Nacht" und „Morgen" mit Sicherheit alle zustimmen und würden noch hinzufügen dass eine gewisse Portion Humor in seinen Werken auch immer einen Platz findet.

„Die wilde Ente" von Leoš Janáček, lässt vielleicht ebenfalls ein humorvolles, vielleicht sogar banales Stück vermuten, entpuppt sich sodann aber als herzzerreissend trauriges Volkslied:

Die wilde Ente flog so hoch, der junge Bursche, ein guter Schütze, schoß ihr in die Seite,gleich unter das rechte Füßchen.
Sie weinte, ließ sich aufs Wasser nieder;
sie weinte vor Kummer und rief zu Gott:
Ach Gott, lieber Gott, ich werde nicht mehr fliegen.Ich arme Ente, ich werde nicht mehr fliegen,ich werde meine Entchen nicht mehr großziehen.
Meine kleinen Kinder, sie tun niemandem etwas; sie sitzen auf der Donau,
sie trinken trübes Wasser, sie essen harten Sand.
Ihr kleinen Entchen, fliegt hinter mir her.
Wir wollen zusammen bis zur großen Donau fliegen!

Die Kompositionen des wie Ligeti und Gyöngyösi in Siebenbürgen geborenen Orbán vermischen traditionellen liturgischen Renaissance- und Barock-Kontrapunkt mit Elementen des Jazz - sein daemon irrepit callidus beschreibt, wie der Teufel versucht ehrbare Herzen zu verführen.

Nach der Pause hören wir Franz Liszts monumentales BACH - ein Werk mit dem er eine regelrechte Bach - Renaissance entfachte, denn als er sich für die Musik von Johann Sebastian Bach begeisterte, war diese fast vergessen.

Die Laudes organi sind das letzte vollendete Werk Zoltán Kodálys. Der 84-jährige Komponist bedient sich hier einer Melodie aus dem 12. Jahrhundert, die er zu einer „Fantasie für Chor und Orgel" kunstvoll ausarbeitet.


Konzert 3

Familienkonzert - wird moderiert

Konzert 4

Die Ippenburger Schubertiade

Die ursprüngliche Schubertiade war eine gesellige Zusammenkunft im privaten Rahmen, bei der Schubert selbst als Komponist und Musiker den Mittelpunkt darstellte. Dabei stand im Vordergrund immer die Freude und Begeisterung zur Musik und das gemeinsame Musizieren, und nicht die kommerzielle Vermarktung.

Und genau so halten wir es heute - wir genießen die private Atmosphäre auf Schloss Ippenburg und freuen uns, nicht als Publikum unten vor dem Podium zu sitzen, sondern Teil des Ganzen zu sein.

Beide Konzertteile beginnen wir mit unserem Namensgeber, zunächst mit einer kleinen Melodie, die Schubert bei einem Sommeraufenthalt bei den Esterhazys in Ungarn geschrieben hat, denselben Esterhazys, bei denen Haydn lange gelebt hatte.

Die zweite Konzerthälfte beginnen wir mit der wunderschön jugendlichen Violinsonate A-Dur. Die Sonate überrascht immer wieder, mal liedhaft, mal naiv, dann doch wieder zupackend - und immer wieder mit unerwarteten harmonischen Wendungen. In dem Adagio versteckt sich eine der wohl arglosesten Melodien, die Schubert je geschrieben hat.

Für Clara Schumann bedeutete ihre erste Wien-Reise sozusagen den Aufstieg in den Olymp der Klaviervirtuosen. Sie schaffte es, ganz Wien in ein Clara Wieck- Fieber zu versetzen - es wurde sogar ein Wettbewerb unter Konditoren für die Kreation einer „Torte à la Wieck" ausgeschrieben (ob da wohl die Donauwelle gewann?). Ihre zarten, melancholischen Romanzen widmete Clara Schumann dem Geiger Joseph Joachim, und kündigte sie bei ihm mit den Worten an: „Auf das was folgt, kannst Du Dich ungeniert freuen!"

Kodály schrieb sein Duo unmittelbar nach seinen gemeinsamen Forschungsreisen mit Béla Bartók, die die beiden ebenfalls in die Nähe des Landsitzes der Esterhazys brachten. Das Werk ist für beide Spieler hochvirtuos und verbindet ungarische Folklore und französischen Impressionismus, wobei es Kodály am Herzen lag die „Bauernmusik" authentisch abzubilden, sowohl die Volksmelodien als auch der Klang und der ungeschönte rustikale Gebrauch der Instrumente wird hier von den Interpreten verlangt.

Das Klavierquartett Es-Dur KV 493 schrieb Mozart kurz nach der Vollendung der Oper Le nozze di Figaro in Wien. Neben dem Thematischen Überfluss im ersten Satz und den auffälligen Dialogen zwischen Klavier und Streichtrio besticht das Quartett mit dem wunderschönen Larghetto, einem der schönsten langsamen Sätze im Schaffen Mozarts, und mit der Opernartigen Anlage des letzten Satzes. Seine größten Opernerfolge feierte Mozart übrigens flussabwärts der Donau - in Budapest.


Konzert 5

„Der Teufel soll dieses Zeug spielen!"

Das sagte Franz Schubert selbst über seine Wandererfantasie - und tatsächlich, es ist auch sein technisch anspruchsvollstes Werk. Kein Wunder also dass der Klaviervirtuose schlechthin, Franz Liszt, es in seine Recitals mit Vorliebe aufnahm. Schubert greift mit orchestraler Satztechnik, ausschweifend vielen Akkord-Tremoli, Oktavpassagen und unzähligen Arpeggien dem Schaffen Liszts vor, und schafft dennoch ein ungemein poetisches Werk. Der ganzen Fantasie liegt eine einzige Melodie zugrunde, und zwar der aus seinem melancholischem Lied „der Wanderer".

Zu Beginn unseres Konzertes hören wir mit der Sonate für Violoncello und Klavier von Richard Strauss ein absolutes Jugendwerk des Komponisten, dass er lange vor seiner Wiener Zeit, in der er die Wiener Oper leitete und z.B. seine „Frau ohne Schatten" zur Uraufführung brachte, schrieb. Er vollendete dieses Werk zunächst mit 16 Jahren, und gab es schließlich zwei Jahre später in den Druck. Das Werk startet mit einem prachtvoll selbstbewussten, heroischen Allegro con brio und verbreitet in den übrigen Sätzen, für Strauss so typisch, Sehnsucht und Überschwang in Fülle, sowie für einen Teenager ungewöhnlich viel emotionale Reife und Tiefe.

Fröhlich starten wir mit Mozarts Oboenquartett in unsere zweite Hälfte. Das Werk ist einerseits ein Musterbeispiel der Wiener Klassik, und andererseits ein Bespiel für die ungemeine Beliebtheit der Besetzung Oboe und Streichtrio. Kaum einer weiss, dass zwischen 1760 und 1800 in Wien nahezu zweihundert Oboenquartette von mindestens 45 verschiedenen Komponisten geschrieben wurden. Dieses Werk strahlt vor Spielfreude und Energie, die Ecksätze sind virtuos verspielt - der letzte geradezu halsbrecherisch - und bilden so den Rahmen für das fast schon pathetische Adagio, in dem Mozart die elegischen Klangfarben der Oboe zur Geltung bringt.

„Abends spielten wir Roberts Es Dur Quartett ... und ich war wahrhaft entzückt wieder von diesem schönen Werke, das so jugendlich", schwärmte Clara Schumann 1842. Wir lauschen den zwei Seelen in Schumanns Brust, Eusebius und Florestan, finden überall impulsives Drängen und Versonnenheit, Ausbruch und Schwärmerei. Der langsame Satz, in dem unser Instrument des Jahres, das Cello, besonders glänzen darf, gehört zu Schumanns schönsten langsamen Sätzen. Vor der Komposition des Werkes hatte Robert Schumann intensiv die Streichquartette der Wiener Klassik studiert, und den Bogen zur Wandererfantasie spannend stellen wir fest, dass Schumann ebenfalls eines seiner eigenen Lieder zitiert, was wiederum ein Zitat des Chorals „Wer nur den lieben Gott lässt walten" ist.


Konzert 6

„Leider nicht von mir!"

Das war die Reaktion Arnold Schoenbergs auf das erste Thema in Johannes Brahms' Klavierquartett. Und auch Joseph Joachim, der aus Ungarn stammte, schrieb seinem Freund Brahms, mit diesem Werk hätte er ihm auf seinem eigenen Territorium "eine ganz tüchtige Schlappe versetzt". Tatsächlich ist das Klavierquartett mit seinem reissenden Finale, dem „Rondo alla Zingarese" bis heute eines der beliebtesten Kammermusikwerke. Es war eine gute Wahl von Brahms, dieses Werk als sein Debüt als Pianist in Wien zu wählen - an der Geige damals Joseph Joachim.

Doch widmen wir uns zunächst Franz Schubert, der zu seinen Lebzeiten nicht immer uneingeschränkte Zustimmung erhielt. Nach der Uraufführung seiner Fantasie C-Moll war in einer Wiener Zeitung zu lesen: „Der Saal wurde allmählich leerer, und der Referent gesteht, dass auch er von dem Ausgang dieses Musikstücks nichts zu sagen weiß". Unser heutiges Eröffnungsstück sollte jedoch keinen in die Flucht treiben, es hat auch ganz andere Ausmaße als die mächtige Fantasie - vielmehr ist es ein kurzes, im ersten Teil nächtlich-romantisches, im zweiten Teil hochvirtuoses Klavierkonzert mit kammermusikalischer Begleitung.

„La Gitana" - was wir aus politischer Korrektheit nicht übersetzen sondern in der Ursprungsform lassen - ist eine mitreißende Hommage von Fritz Kreisler an die ungarische Volksmusik.

Von Alexander von Zemlinskys Streichquintett sind leider nur die beiden Ecksätze erhalten - die haben es aber in sich. Sein großes Vorbild Johannes Brahms war bei der Uraufführung dieses Werkes in Wien zugegen - und von dem Finale, „prestissimo", hellauf begeistert. Da er jedoch die anderen Sätze für verbesserungswürdig hielt lud er den jungen Zemlinsky zu sich nach Hause ein und empfahl ihm, Mozarts Streichquintette als Vorbild zu studieren.

"Ich schreibe jetzt kleine Bagatellen, denken Sie, nur für zwei Violinen und Viola. Die Arbeit freut mich ebenso sehr, als wenn ich eine große Sinfonie schriebe." Wie wichtig es Antonin Dvorak war „Musik für Jedermann" zu schrieben, sehen wir an folgender Anekdote: Ursprünglich geschrieben hatte er es für seinen Mitbewohner und Chemiestudenten Josef Kreis. Wie sich herausstellte war es zu schwer für ihn - und so setzte sich Dvorak noch einmal hin und schrieb „Miniaturen" - die dann auch der wohl wenig begabte Josef Kreis meistern konnte.

Und nun das ungarischen Finale. Arnold Schoenberg bearbeitete das Werk übrigens auch für Sinfonieorchester, mit folgender Begründung:
„1. Ich liebe das Stück. 2. Es wird selten gespielt. 3. Es wird immer sehr schlecht gespielt, weil der Pianist desto lauter spielt je besser er ist, und man nichts von den Streichern hört. Ich wollte einmal alles hören, und das habe ich erreicht." Wir sind aber überzeugt davon, dass Sie heute im Bürgersaal Bissendorf in der Originalversion auch alles hören werden!


Konzert 7

Eine Blechbratsche, Perlen und eine Sensation!

Für uns heutzutage undenkbar, ein regelrechter Skandal: da schenkte der Verleger Mozart tatsächlich das vorausbezahlte Honorar, unter der Bedingung, dass er bloß kein Klavierquartett mehr schriebe! Der Grund hierfür war wohl, dass er sich gesellige, einfache Stücke gewünscht hatte, die jeder Musikliebhaber zuhause aufführen könnte, und wie das dann klang lässt uns ein Zeitzeuge wissen: "Es konnte nicht gefallen; alles gähnte vor Langerweile über dem unverständlichen Tintamarre von 4 Instrumenten, die nicht in vier Takten zusammen passten... Welch ein Unterschied, wenn dieses vielbemeldete Kunstwerk von vier geschickten Musikern höchst präcis vorgetragen wird!" Nun, heute hören wir bestimmt vier geschickte Musiker und schliessen uns dem späteren Ehemann der Witwe Constanze Mozart an, der in seiner Mozartschen Biographie schrieb „jetzt würden wir das Manuscript, das wir unterdrückten, gewiss mit Perlen aufwiegen, wenn wir es damit hervorzaubern könnten."

Und nun kommen wir zu unserer Blechbratsche. Diesen äußerst amüsanten Namen gab Johannes Brahms anfänglich dem Ventilhorn, das er im Vergleich zum Naturhorn zeitweise verachtete. Dass die Verachtung sich später in Liebe verwandelte zeigen uns die wunderschönen Soli die er später in seinen Sinfonien für das Ventilhorn schrieb. Das Horntrio Es- Dur kann als Requiem für seine Mutter gesehen sein, die wenige Monate vor der Veröffentlichung des Werkes verstorben war, und die dem jungen Brahms so gerne beim Hornspielen zugehört hatte. Zwischen zwei bewegte Sätze bettet Brahms ein wunderschönes, sehnsuchtsvoll trauerndes Adagio.

"Zarte, duftende Blumen, die keinen Triumphzug durch den Salon machen wollen, sondern im stillen Kreise das Gemüth erquicken werden." Schumann, der einmal sagte, lieber als Jura zu lernen, gebe er sich der "lyrischen Faullenzerey" hin, schickt uns mit seinen Fantasiestücken auf eine zauberhafte Reise durch seine wechselmütige Seele, beginnend mit dem melancholischen ersten Stück, über das freundliche Zweite bis zum zerklüfteten Dritten.

Und jetzt kommen wir zur Sensation - und zugleich zu einer Premiere: denn nach langer Suche fanden unsere nächsten Musiker, das Notos-Quartett, die original-Partitur von Bartoks Klavierquartett C-Moll, das 53 Jahre lang verschwunden war. Die Einzelstimmen haben die Musiker direkt aus Bartoks Handschrift erarbeitet, und präsentieren heute hier Osnabrück zum ersten Mal überhaupt dieses Werk eines jugendlichen, überschwänglichen, und überraschen romantischen 17jährigen Bartoks. Wir sind gespannt!


Konzert 8

Kaffeehaus ist in Wien nicht nur ein Raum

zum alleinigen Befriedigen von körperlichen Bedürfnissen.
Vor gar nicht allzu langer Zeit
war diese Stadt mit Kaffeehäusern, man könnte fast sagen, erfüllt.
In dieser vergangene Zeit war ein Kaffeehaus ein Heim,
ein Zuhause,
eine Art Wohnung,
eine Studierstätte,
ein Hörsaal,
eine Börse,
eine politische Tribüne,
ein Wartezimmer für den einzig für einen zuständigen Psychiater,
der Rendezvousort,
der Anfang des Einfalls,
die Hemmung vor dem Selbstmord,
der Beginn des Tages,
die Ruhe des Vormittags,
der überwundene Mittag,
die Einkehr des Nachmittags,
die überwundene Angst vor der Nacht,
das Hoffen auf den falschen Freund,
das Warten auf die Freundin,
die nie kommt,
das Gespräch mit der Geliebten,
um nie das letzte Wort zu finden,
die sich nie erfüllende Hoffnung,
der ewige Rückschritt,
um alles wiederum dort zu suchen,
wo man es vorher schon nicht gefunden hat.
Diese vielen Orte der Begegnung sind schwindsüchtig geworden,
langsam eines tragischen Todes gestorben.
Eine neue Umwelt hat geglaubt,
sich auf sich selbst verlassen zu können.
Dieser tragische Irrtum kann einer Stadt wie Wien
zu einem schnelleren Untergang verhelfen,
wie es sich auch ein echter Feind nicht unbedingt wünschen wollte.
Wolfgang Hutter


Konzert 9

„Das hätte ich besser nicht schreiben können!"

Das waren die Worte mit denen Brahms seine Bewunderung über das erste Werk ausdrückte, das er von Ernst von Dohnányi hörte, sein Klavierquintett. Brahms war hingerissen von dem Talent und seiner Musik und blieb bis zum Ende ein großer Förderer des jungen Komponisten. Heute steht als Abschlussstück das sowohl in der Besetzung als auch in der Musik äußerst abwechslungsreiche Sextett Dohnányis auf dem Programm, wir hören Einflüsse von Brahms, Johann Strauß und anderen Wiener Zeitgenossen,
und werden zu Beginn des letzten Satzes von Klarinette und Klavier mit einem Ragtime überrascht.

Johannes Brahms war auch ein großer Bewunderer Clara Schumanns, mit der wir heute unser Konzert beginnen. Ihr Klaviertrio ist ihr einziges Kammermusikwerk, und gilt zugleich auch als eines ihrer Meisterwerke. Das Trio überzeugt mit wunderschönen expressiven Themen, klaren Streicherkantilenen und einer brillanten Klavierpartie - dazu ein Fugato, über das selbst Mendelssohn und Joachim staunten.

Mit zwei bezaubernd schönen und unschuldigen kleinen Werken machen wir kurz Halt bei Josef Suk, der Schüler und später auch Schwiegersohn Antonin Dvořáks war. Aus der Zeit vor der Hochzeit mit dessen Tochter stammt der „Lovesong" - damals soll der Eisenbahnfan Dvořák seinen zukünftigen Schwiegersohn dazu angehalten haben, sich Lokomotivnummern auf Bahnhöfen zu notieren, er prüfte ihn auch regelmässig in seinen Kenntnissen über das Lokomotivwesen. „Mit dem Blumenstrausse in der Hand" schrieb Suk für seinen Sohn und zwei seiner Freunde, und der Titel lässt darauf schliessen, dass es für einen festlichen Anlass gedacht war.

Georges Enescu selbst war ein Wanderer zwischen den Welten des Balkans und Westeuropas - zu der Zeit seines einzigen Werkes für Flöte, dem cantabile et allegro, hatte er schon lange seine Heimat verlassen, war in Wien zum Violinvirtuosen ausgebildet worden und nun in Paris ansässig. Das Werk schrieb er als Auftrags-Prüfungsstück für das Pariser Konservatorium, was damals unter den französischen Komponisten als große Ehre galt.

Wie das Sextett von Dohnanyi ist auch die Violinsonate von Richard Strauss eines der letzten Kammermusikwerke die er schrieb, bevor er sich nur noch größeren sinfonischen Werken oder Opern widmete. Die Sonate mag auch Vorbote für seine großen Sinfonischen Dichtungen sein, hochemotional, sehr virtuos und stürmisch, wir denken an Don Juan, den Rosenkavalier - und nicht nur im zweiten Satz daran, dass Strauss gerade dabei war, sich in seine zukünftige Ehefrau, Pauline de Ahna, zu verlieben.


Konzert 10

Für den Frieden

Wie in unserer Einleitung erwähnt, ist dieses Festival als eine Hommage an den immensen kulturellen und insbesondere musikalischen Reichtum, den die Donauregion über Jahrhunderte - weit über die Landesgrenzen hinweg - erlebt hat. Der Ausbruch der Weltkriege und des Nationalsozialismus sowie später der Kommunismus führten jedoch zu einer kulturellen Lähmung und Atomisierung. Viele Musiker und Komponisten wie Bartok, von Dohnanyi, Enescu, Kreisler, Martinu, Vladimir Mendelssohn, Schoenberg, Zemlinsky und Kreisler emigrierten, die kulturelle Vielfalt der Region erlosch unwiederbringlich. Die totalitäre Gewalt war der Auslöser.

Daher - und bevor wir die Musik derer hören, die diese totalitäre Gewalt miterleben mussten - erklingt als erstes Werk des heutigen Abends die pazifistische Stimme des Kriegsdienstverweigerers Benjamin Britten mit seinem wunderbaren Phantasy Quartett für Oboe und Streichtrio, op. 2., in dem man mahnende aber auch versöhnliche Töne erkennen kann.

Arnold Schönberg komponierte „die eiserne Brigade" während seiner zweiten Militärzeit in Bruck an der Leitha für einen sogenannten Einjährigen-Kameradschaftsabend, wohl als eine Art musikalisch-kabarettistische Einlage.

Als György Ligeti seine Bagatellen im September 1956, nach dem Ungarn-Aufstand, in seiner Heimat vorstellte, wurden sie als zu dissonant verboten. Heute, fern solcher ideologischer Erstarrungen, sind die Sechs Bagatellen längst zum Klassiker des modernen Bläserquintett-Repertoires avanciert.

Anton Weberns vier Stücke sind zwar ein frühes, aber dennoch mit experimentellem Klang, chromatischer Verdichtung, sowie kurzer prägnante Form und extremer Dynamik sehr typisches Werk.

Der in Rumänien geborene György Kurtág, der nicht wie Ligeti emigrierte, sendetet von Budapest aus Impulse für eine offene Haltung Ungarns gegenüber dem Westen. In seiner Hommage à Schumann begegnen wir Eusebius, Florestan und Meister Raro. "Signs, Games & Messages" ist eine seit 1989 im Wachsen begriffene Sammlung klanglicher Tagebucheintragungen, ein "work in progress" für Streichtrio.

Auf mysteriösen Wegen ist uns gelungen, an die Noten für 7 Miniaturen für Bläserquintett von Alfred Mendelssohn aus Rumänien zu gelangen. Wie uns sein Sohn Vladimir Mendelssohn berichtete, begab sich sein Vater mit diesen Miniaturen an die Grenze dessen, was vom kommunistischen Regimes verboten worden wäre. Dieses bisher im Westen völlig unbekannte Werk, erlebt heute in Osnabrück seine Premiere.

Der Quartentsatz A-Moll ist das einzig erhaltene Kammermusikwerk Gustav Mahlers. Der 16jährige hat sämtliche anderen frühen Werke im jugendlichen Leichtsinn leider „vertrödelt". Von dem zweiten Satz, dem Scherzo, sind nur 16 Takte überliefert - Schnittke plante zunächst, das Fragment zu ergänzen und in Mahlers Stil weiterzuschreiben, gab jedoch nach etlichen Versuchen auf „sich an etwas zu erinnern, was gar nicht zustande kam ..." und schrieb schließlich einen eigenen Quartettsatz, der am Ende in das notengetreu übernommene Zitat des Mahlerschen Fragmentes angefügt wurde.


Konzert 11

Schwanengesang

Als Schwanengesang bezeichnet man das letzte Werk eines Musikers oder Dichters - der Ausdruck geht auf die griechische Mythologie zurück, die besagt, dass Schwäne vor ihrem Tode noch einmal mit trauriger, jedoch wunderschöner Stimme ein letztes Lied anstimmen. Es war Schuberts Verleger, der seinen letzten Liedern posthum den Titel verlieh. Daher besitzt der Zyklus keinen erzählerischen roten Faden, jedes der Lieder ist jedoch eine Kostbarkeit für sich und erzählt auf seine Weise aus dem Seelenleben der Romantik. Das letzte Lied, „Taubenpost", ist Schuberts letzte Komposition überhaupt und zugleich auch eines seiner schönsten Lieder - und ein sicherlich wunderschöner Abschied für unser heutiges Konzert.

Zunächst einmal starten wir aber unser Konzert - und zwar mit der in der Wiener Klassik so beliebten Gattung „Oboenquartett". Die Werke des tschechisch-österreichischen Komponisten Franz Krommer bilden den Übergang zwischen Haydn und Beethoven, und das heutige Oboenquartett ist ein Musterbeispiel für seine lieblichen und natürlichen Melodien, unerwartete Modulationen und überraschende ungarische Einflüsse.

Bohuslav Martinů, wie Franz Krommer tschechischen Ursprungs, zog es nach seiner musikalischen Ausbildung nach Paris, wo er 1927 sein Duo für Violine und Violoncello schrieb. Es ist von brillanter Virtuosität, hat mitreißende Rhythmen, anfangs neo-barocke Passagen und endet mit einem feurig-schnellen Rondo.

Divertissement leitet sich vom italienischen Vergnügen ab und war in der Wiener Klassik eine äußerst beliebte Kompositionsform, die meist mehrsätzig war und immer einen unterhaltsamen, heiteren bis tanzartigen Charakter hatte. Mit dem heutigen vergnüglichen kurzen Werk Joseph Haydns bereiten wir uns auf die vielen Virtuositäten vor, die uns vor der Pause noch erwarten.

Die ruhige Einleitung von Niccolò Paganinis Caprice Nr. 4 gibt uns Gelegenheit zu erinnern, dass der hysterische „Hype", den Paganini als Person verursachte, oft die Ernsthaftigkeit und Schönheit seiner Musik übertönte. Franz Schubert, der Paganini 1828 in Wien hörte, schrieb, er habe in dem Adagio seines Konzertes "einen Engel singen gehört".

Ähnlich ist auch Schnittkes Hommage an Paganini zu sehen, er malt uns ein Bild eines gequälten Individuums, das die Bravour-Elemente nicht mit der dunklen Seite seiner Natur in Einklang bringen kann. Niccolo Paganini – bestaunt und bewundert als einer der größten Virtuosen aller Zeiten, gefangen in einem Gestrüpp der Lügen und Legenden, die bis heute die Biografie überwuchern.


Konzert 12

„Zurückgeschnittenes Gestrüpp"

Die Dramatische Eröffnung und martialische Klavierbegleitung lässt Böses erahnen - Leoš Janáček schrieb seine Violinsonate am Vorabend des ersten Weltkriegs. Die Ballade, der zweite Satz, schenkt uns unglaublich zarte Töne, wir werden dann aber mit einem folksmusikalischen, etwas ruppigen Scherzo geweckt, bevor uns der letzte Satz nachdenklich, besorgt, aber doch ein wenig hoffnungsvoll zurücklässt.

Von einer schöneren Zeit erzählt uns Mozart in seinem Flötenquartett. Der junge Wolfgang war froh, als ein Mannheimer Hobby-Flötist mit großem Portemonnaie bei ihm ein paar Flötenquartette und Flötenkonzerte bestellte, und ihm ein Honorar dafür bot, dass sonst für große Opern bezahlt wurde. Zur gleichen Zeit verliebte sich Mozart in die 16jährige Aloisia Weber und vollendete nur einen Teil des Auftrags - aber seine Fröhlichkeit strahlt durch das ganze Werk.

„Ein Mann wie ein Berg: Wenn er spielte, war seine Geige auf seinem voluminösen Körper kaum zu sehen. Bevor er sie unter sein Kinn klemmte, schwang er sie oft wie ein Schwert. Der Ton seines Instrumentes war jedoch nicht grob, sondern lieblich, charmant und fesselnd." Eugène Ysaÿe prägte seine Zeit, wie zuvor nur Pablo de Sarasate oder Niccolò Paganini. Seine sechs Sonaten für Solovioline hat er jeweils einem Violinvirtuosen gewidmet und sie für ihn „maßgeschneidert".
Die Sonate Nr. 4 widmete er Fritz Kreisler, dessen Caprice viennois wir im Anschluss hören. Mit diesem Werk träumen wir uns noch einmal in das Wiener Flair hinein - süße Melodien, kleine Virtuositäten, und der unverwechselbare Wiener Charme...

"Was man so lange und wild bloß gespielt hat, sei unbequem aufzuschreiben" schrieb Johannes Brahms seinem Verleger, als er seine Ungarischen Tänze aufschrieb, jene, die er auf Konzertreisen mit Eduard Remény immerzu gerne spielte und die von nun an für jedermann und zuhause zu spielen waren. Die "Ungarischen Tänze" verhalfen so auch den übrigen Werken und damit dem Komponisten Johannes Brahms zum Durchbruch.

Und nun kommen wir zum zurückgeschnittenen Gestrüpp. Johannes Brahms hatte sein Klaviertrio op. 8 in jungen Jahren geschrieben, gerade als Robert Schumann ihn „entdeckt" hatte und über ihn den berühmten Aufsatz „Neue Bahnen" veröffentlichte. Im Herbst seines Lebens nahm sich Brahms sein Trio noch einmal vor und überarbeitete es bis auf das Scherzo fast komplett. An Clara Schumann schrieb er, eigentlich könne er dem Trio jetzt die Opuszahl 108 geben, und teilte zugleich auch mit, er habe mit seiner Umarbeitung Gestrüpp zurückgeschnitten. Hören wir nun also die jugendlichen, stürmischen Ideen des jungen Johannes, meisterhaft zusammengebracht mit der Reife und der Melancholie des Alters.